K.O. auf Raten – Wie ich mich von meinem Übertraining trennte

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Ich muss zum Sport, ich muss zum schwimmen, ich muss noch laufen und ich muss noch Bauch-Übungen machen, da ich nächste Woche in den Urlaub fahre. Stabi-Übungen? Die mache ich Morgen. K.O. auf Raten – Wie ich mich von meinem Übertraining trennte.

“Du machst zu viel.“ Während ich gedanklich versuche, meinen Kalender zu sortieren, holt mich die Stimme meiner Tante zurück in die Wirklichkeit. Jemand, dessen Sport darin besteht, dem selbsternannten Rekordmeister bei einem weiteren belanglosen Kick zu zusehen, versucht mich gerade davon zu überzeugen, ich mache zu viel. Man stelle sich vor, ein Bremer schüttet vor einem Münchner sein Herz aus, er würde im Norden zu Hohe Mietkosten zahlen müssen.

Wurde ich in den vergangenen Jahren immer sportlicher, wuchs auch mein Hunger nach diesem mehr. Ich lief Halbmarathon, dann Marathon, dann Ultra. Ich fuhr Rad, dann 50 Kilometer, dann 100 Kilometer. Ich ging schwimmen, schwamm einen Kilometer und versuche mich nun an einer schönen Zeit auf der Mitteldistanz. Grenzen sind da, um verschoben zu werden, doch wohin? Ran Kilian Jornet mal eben zweimal auf den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff innerhalb von einer Woche, ist seine Grenze vielleicht ein dritter Lauf an einem Stück. Dabei ist nicht nur die scheinbar fehlende Befriedigung des sportlichen Erfolgs das Problem, sondern auch die Belastung welche dahinter steht, physisch als auch psychisch.

Sagt man oft viel hilft viel, weiß ich nun, dass viele Köche den Brei auch verderben können. Gerade in meinem ersten Jahr als Triathlet fiel es mir ungemein schwer, meine Lauf- und Crossfitleidenschaft mit meiner Ambition, im Triathlon besser zu werden, vereinen zu können. Double Days und Übertraining waren an der Tagesordnung, Rest-Days wurden gerne mal verschoben und am Ende des Tages gab es als Topping große Augen, wenn die Ergebnisse ausblieben. Ein Sub3 Marathon-Finish wurde wiedermal verschoben, eine gute Schwimmleistung wartet noch mit Schwimmflügeln im Kinderbecken und das Wetter versaut mir meine Ausfahrten. Gesundheitliche Probleme wie ein Ermüdungsbruch blieben mir glücklicherweise erspart, aber der Spaß an der Sache drohte teilweise extrem zu kippen. Abhilfe schafften hierbei nicht nur die Funktion als Asics Frontrunner Deutschland, sondern auch ein zielgerichtetes Training mit dem Blick über den Tellerrand.

Nennen wir es Milchmädchen-Rechnung, nennen wir es höhere Intelligenz oder glückliche Fügung, aber auch wenn meine Tante Unrecht hatte, hatte sie Recht. Statt mich vor mir selbst rechtfertigen zu müssen, was ich wann alles machen muss, um meinen Leidenschaften folgen zu können, muss ich mich jetzt nur noch meinem Trainer gegenüber rechtfertigen. Statt einen Trainingsplan selbst zu erstellen, kann ich in der Zeit nun Geld verdienen oder Sport machen, und mich im Anschluss über erreichte Erfolge oder den wiedergewonnenen Spaß freuen. Im Sport ist es so wie im Leben, statt einem K.O. auf Raten sollten wir einfach mal innehalten, den Status Quo überdenken und den Kurs entsprechend neu justieren.

Hi, ich bin Florian. Meinen Kaffee und meine Kleidung mag ich eher Schwarz. Ich schaue gerne in die Ferne, laufe ihr dabei auch mal ein Stück entgegen. Mehr von mir findet ihr auf Instagram und Twitter.

2 Comments

  1. Dieses ich muss jetzt immer schneller werden, ist schon ein fieser zwang! Hatte ich vor 2 Jahren noch extrem verbissen, egal um welchen Preis! Zum Glück bin ich aus der Spirale raus! Jetzt nur noch für mich und wenn ich nen gutes Gefühl hab auch mal gegen mich. Aber nicht für jeden Preis! Freu mich dich am WE kennenzulernen!

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