Challenge Walchsee-Kaiserwinkl – Triathlon in Tirol und DNS für mich

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Mit einem lauten Knall fällt alles zu Boden und zerspringt in tausend Scherben. Wie eine Drückfigur fällt mein Innerstes in sich zusammen, ein Splitterbruch meines Egos und ein schwarzer Fleck auf meiner bisher weißen Weste. Challenge Walchsee-Kaiserwinkl – Triathlon in Tirol und DNS für mich.

23°C und ein sonniges Tirol springen mir aus meinem instagram-Feed entgegen. Geschönte Realität, macht die Sonne anscheinend dieses Wochenende keinen Zwischenstopp am Walchsee. Nach mir die Sintflut hat sich noch nie so real angefühlt wie in diesem Moment und dennoch trotte ich zur Startnummernausgabe und hole meine Unterlagen für mein letztes großes Triathlon-Rennen dieser Saison, die Challenge Walchsee-Kaiserwinkl.

Die Menge im kleinen Dorfhaus scheint vom Wetter nichts mitbekommen zu haben, stattdessen feiert man euphorisch die Junior-Starter, und heizt nebst der Stimmung gleich den Grill mit ein. Ein Highball aus Aufgeregtheit und Vorfreude macht sich in mir breit und ich bringe nur nochmal kurz mein Rad zum kostenlosen Cervelo-Service, bevor es für mich zum Anbaden gehen soll.

Gibt es zwei Dinge, welche man vor einem Triathlon niemals machen sollte, sind es neue Materialien oder Ernährungsmethoden testen und sein Equipment weniger als 24 Stunden vorher zum Service zu bringen. Was folgt ist ein Film von einem kleinen Jungen im Nebel, allein und verzweifelt, dessen Zeitmaschine ihm von einem vermeintlich weisen Mann, mit den Worten Schau’n wir mal!, abgenommen wird. Mein Lenker lässt sich nicht stabilisieren, das Rohr muss gekürzt, die Lager neu verklebt und dann mal geschaut werden, ich müsste eigentlich eine Warm-Up-Runde mit der Zeitmaschine drehen und diese dann zeitnah in der Wechselzone abgeben.

Statt anbaden bade ich im Bad der Gefühle und habe an diesem Wochenende das erste Mal das Gefühl, ich müsste mich übergeben. Fünf nicht enden wollende Stunden später ist der Techniker um unzählige Karma-Punkte und Trinkgeld reicher und ich genieße das Wiedersehen mit meiner Zeitmaschine, bevor ich sie in der Wechselzone dem Regen überlasse.

Hat mich der lockere Lenker nicht nur Zeit und Nerven gekostet, ging meine letzte Radeinheit statt meiner baden und ich versuche dem Tag in Form von leckerem Abendessen noch etwas Positives abzugewinnen, bevor es für mich ins Bett geht und ich noch einmal den morgigen Rennablauf durchlaufe.

So kurz die Nacht war, so ist es nun auch meine Zündschnur, vor allem als ich aus dem Fenster blicke und nichts außer Regen sehe. Ich trage so viele Schichten, dass Zwiebel-Look eine Untertreibung ist und doch ist mir nur eins, kalt. So gerne ich Schnee und Eis mag, so sehr hasse ich doch diese Kälte, die an den Knochen nagt, es einem nicht ermöglicht seine Finger beim Schwimmen gestreckt zu halten und einem gefühlt das Leben aus dem Körper zieht. Manchmal hat es halt auch Nachteile dünn zu sein.

Die knapp zwei Kilometer vom Parkplatz zum Start sind gesäumt von Startern, deren Begleitern und Regen. Ich trage Handschuhe, Mütze, Jacke und die Last meines Egos und breche unter ihnen zusammen. Ich kann mich kaum bewegen, geschweige denn mir vorstellen gleich zu schwimmen und Rad zu fahren. 17°C Wassertemperatur, 7°C Außentemperatur und 100% Regen.

Mit einem lauten Knall fällt alles zu Boden und zerspringt in tausend Scherben. Wie eine Drückfigur fällt mein Innerstes in sich zusammen, ein Splitterbruch meines Egos und ein schwarzer Fleck auf meiner bisher weißen Weste. Statt es überhaupt versucht zu haben, erlebe ich gerade meinen ersten DNS. Ich bin froh keinen Spiegel zu sehen, will ich mir doch selbst gerade nicht in die Augen schauen.

Vernunft ist nichts, was man in der Hand halten kann und so viele es mir gleich tun, ihr Rad aus der Wechselzone holen, oder mir sagen, es sei dir richtige Entscheidung gewesen, so sehr möchte ich doch einfach schreien und meiner Anspannung freien Lauf lassen. Monate lange Vorbereitung, Anreise, Unterkunft, Geld und Zeit, alles scheint gerade sinnlos verbrannt zu sein, für nichts.

Stehe ich nach jedem Zieleinlauf Spalier und zolle den anderen Sportlern Anerkennung, so fiebere ich nun mit denen, die sich an die Startlinie wagen. Ein Piranhabecken durchpflügt den Walchsee und während die einen ihre Temperatur durch den Neo sichern, heizen die Zuschauern den anderen durch Euphorie und Zurufe ein.

Trotz gekürzter Schwimmstrecke fallen bereits einige Athleten nach der ersten Einheit aus und suchen ihren Weg in die Dusche statt der Wechselzone. Die Top-Athleten scheinen von der Kälte nichts mitbekommen zu haben und schießen in einem Hauch aus Nichts an mir vorbei. Selbst eine gekürzte Radstrecke scheint nicht des Rätsels-Lösung und wie Spreu und Weizen trennen sich weitere Athleten vom erfolgreichen Finish.

Kälte und Regen zum Trotz schaffen es dennoch etliche Triathleten in die dritte Disziplin und werden prompt mit etwas Sonnenschein belohnt. Petrus du bockiges Kind.

Sei nicht so dramatisch, es war vernünftig, es kommen noch andere Wettkämpfe, und mimimi – man kann von mir halten was man will, aber so viel Energie man in etwas steckt, so deprimierend und frustrierend ist es doch, wenn es überhaupt nicht nach Plan verläuft.

Sport gibt mir so viel und reißt mir dann manchmal den Boden unter den Füßen weg, aber wahrscheinlich liebe ich ihn genau dafür. Die Challenge Walchsee-Kaiserwinkl in Tirol ist sicherlich ein großartiger und beeindruckender Wettkampf und genau deswegen werde ich wiederkommen, nur jetzt, jetzt schließe ich erstmal endlich mit dir ab.

Hi, ich bin Florian. Meinen Kaffee und meine Kleidung mag ich eher Schwarz. Ich schaue gerne in die Ferne, laufe ihr dabei auch mal ein Stück entgegen. Mehr von mir findet ihr auf Instagram.

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