Florenz Marathon – Der Schweinehund und ich am Arno

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Ich biege scharf um die Rechtskurve und nehme wieder Fahrt auf. Im Kopf rechne ich die Splits durch und als ich fast zu einem Ergebnis gekommen bin, pfeffert es mir mit derart Effet ein Blatt ins Gesicht, dass ich froh bin trotz Dreckswetter eine Brille zu tragen. Florenz Marathon – Der Schweinehund und ich am Arno.

Die Sonne scheint tief in die kleinen Gassen und erwärmt noch einmal die Stadt am Arno. Via Zürich habe ich mich auf den Weg in das Herz der Toskana gemacht und genieße nun die zweistelligen Temperaturen, bevor ich mich zur Expo begebe. Habe ich eins in den vergangen Jahren gelernt, so ist es die Tatsache vor einem Rennen idealerweise alles rechtzeitig erledigt zu haben.

Die Bib ist schnell gegriffen, neue Ideen für spätere Rennen geboren und während ich so durch die enge Halle gehe, erinnert mich der Parcours an die Streckenführung des Marathons – klein / klein, gefolgt von scharfen Turns und Richtungswechseln. Hat Berlin die wenigsten Kurven innerhalb eines Marathons, so greift Florenz wahrscheinlich das Podium bei den anderen an.

Ein weiteres Warum nur? wird von einem grummelnden Magen übertönt und kurze Zeit später finde ich mich schon der Nähe des Start-Ziel-Areals im Il Vegano bei veganem Gulasch und Cheesecake wieder. Mag man den Italienern nur Pasta, Pizza und Espresso zu gestehen, so schaffen sie es doch ihr Wesen in jedem Gericht ein Stück weit zu verinnerlichen. Denke ich an Italien, ist es eben auch Genuss und gute Kleidung, nebst schnellen Autos und zügiger Fahrweise.

Bin ich nicht nur Kaffeetrinker sondern auch Asics Frontrunner, darf ich meinen Bedarf an eben jenen am Samstag stillen. Ein Teil der deutschen, englischen und italienischen Mitglieder hat es sich nicht nehmen lassen, die Aufregung vor dem Lauf gemeinsam zu bekämpfen und so machen wir, was wir am besten können: Sport und den Spaß an diesem genießen. Es gibt kaum schöneres als nicht zu wissen, ob Menschen sich schon lange oder gerade erst kennen, weil sie so gut miteinander können. Laufen ist eben mehr als nur hippe Outfits und Testberichte.

Früh geht es für mich an diesem Abend ins Bett und auch ohne wirklich geschlafen zu haben geht es für mich eben so früh gen Rennen. Die Luft ist noch kalt und feucht, nur Straßenlaternen sind vereinzelte Lichtblicke und doch habe ich richtig Bock. War die explizite Vorbereitung doch etwas kurz, fühle ich mich gut trainiert und mental gestärkt. Die 7°C Außentemperatur wirken recht angenehm und so greife ich zu Armlingen und Singlet, Stirnband und Racetight. Die Schuhauswahl hatte ich bereits vor meiner Abreise zugunsten des RoadHawk FF gefällt, was sich rückblickend auch als richtig herausstellte.

Im Startblock knistert es vor Anspannung und Wärmedecken und als der Startschuss plötzlich fällt, fängt es parallel an zu regnen. Die idyllische Toskana zeigt sich plötzlich von einer britischen Seite und nebst Cats and Dogs regnet es die letzten Blätter von den Bäumen. Bei Kilometer 8 haben meine Hände vergessen, wie man sich bewegt. Ich beginne die Gels mit meinem Trikot zu öffnen und kippe mir an jeder Verpflegungsstelle Tee über die Hände, um sie kurzzeitig zu reanimieren.

Brücken, Tunnel und diverse Straßenlöcher erinnern auf Grund der Wasserhöhe eher an Kneippbäder und machen ein sauberes und schnelles Vorankommen erheblich schwerer. Als mir bei Kilometer 17 mein viertes Gel aus dem Armling fliegt, denke ich kurz an Sebastian Kienle und den Ironman Hawaii 2016. Fuck, da geht sie hin meine Koffein-Ration.

Ich biege scharf um die Rechtskurve und nehme wieder Fahrt auf. Im Kopf rechne ich die Splits durch und als ich fast zu einem Ergebnis gekommen bin, pfeffert es mir mit derart Effet ein Blatt ins Gesicht, dass ich froh bin trotz Dreckswetter eine Brille zu tragen. Würden die Kilometer so schnell wie der Wind an mir vorbeifliegen, wäre mir weitaus wohler. Bei Kilometer 34 sind die Speicher völlig leer und doch halte ich meine Splits noch Sub3:00 bis Kilometer 35. Ich möchte einfach nur aussteigen und mir Glühwein bestellen, lediglich mein mentales Training und die Tatsache, dass ich durch Glühwein auch nicht schneller im Ziel wäre, lässt mich weitermachen.

Als bei Kilometer 38 drei Frontrunner in Persona von Rike, Matt und Jon mich überholen beiße ich nochmal die Zähne zusammen und versuche alles. Die Sub3:00 ist futsch, der Weg ins Ziel besteht aus unzähligen Kurven und Anstiegen und doch bleibe ich nicht stehen sondern rette mich ins Ziel. Nach verdammten 03:03:27 stehe ich 100m vom Start entfernt und habe doch 42,2 Kilometer in den Beinen. Marathon ist kein Sprint und am Ende tut es weh. Selten hat sich eine Finisher-Medaille so verdient und so schwer angefühlt. Im Zielbereich greife ich alles ess- und trinkbare, baue mir einen Anzug aus Rettungsdecken und setze mich zehn Minuten in einen Rettungswagen. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr und mir ist kalt.

Als die Sanitäter mich fragen ob ich mitfahren oder aussteigen möchte entscheide ich mich für letzteres. Mein Kopf ist nicht im Stande die Dusche zu finden und so ziehe ich mir warme Sachen an und trotte gen Universo Vegano. Zwei Burger und ein Bier für meinen Schweinehund und mich bitte, wir haben es uns verdient.

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